| Bombay Business |
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| Ratschlag
für Indienreisende Nr. 355: Sollte man in die Verlegenheit kommen einen
Inder etwas fragen zu müssen, so denke man daran, daß ein Inder
zu höflich und zu zartfühlend ist, eine Frage mit einem spröden
Nein zu beantworten. Lieber sagt er etwas Falsches, als daß er gar
nichts sagt. Jonas liegt auf dem Hotelbett. Die Arme hat er hinter dem Kopf verschränkt. Er starrt in den Ventilator, der nach Kräften die Heißluft durcheinanderwirbelt. Trotzdem liegt Jonas wie ein Schweinebraten in seinem Schweiß. Der Ventilator gehört zu einem Hotelzimmer in Bombay. Bombay ist die wichtigste Stadt Indiens, aber für Jonas ist sie im Moment ungefähr so wichtig wie ein Pickel am Po. Er hat gerade eine Dusche hinter sich und fürchtet, sich Fußpilz geholt zu haben. In einem frisch gefüllten Fünfliterkanister mit Trinkwasser blubbert eine achtzehnfache Dosis Micropur. Jonas fürchtet sich vor dem Wasser in Indien. Genau genommen ängstigt sich Jonas vor allem und jedem in diesem Land. Eigentlich ist es gar kein richtiges Land, sondern eher so etwas wie ein exotischer Alptraum. Es ist heiß wie in der Hölle. Es stinkt nach Fäulnis, Untergang und Tod. Jonas fragt sich zum wiederholten Male, was er hier sucht, Abenteuer hat er sowieso noch nie gemocht. Das wird es sein: er hält sich für eine Memme und versucht, sich hier zum Helden zu päppeln. Das hat er glasklar analysiert. Aber zum Helden wird man nur geboren. Jonas will sich in Indien das Rauchen abgewöhnen. Aber am liebsten wäre ihm gerade jetzt eine Zigarette. Gibt es in Indien überhaupt Zigaretten? Wenn ja, dann schmecken sie wahrscheinlich nach Heu. Sein Herz pocht wie wild. "Wie halte ich das hier bloß aus?", denkt er sich. Sechs Wochen hat er sich vorgenommen. Wie zum Teufel soll er das durchhalten, wenn er jetzt schon den Kanal voll hat - fünf Stunden nach der Landung? Die Fenster sind sperrangelweit offen. Zerschlissene Vorhänge wehen in der Meeresbrise. Er richtet sich mühsam auf und schaut nach unten. Zuallererst sieht er das Sims unter sich - bedeckt vom Unrat der letzten fünf Jahre: Massen von Zigarettenkippen, Kaffeesatz, undefinierbarem Müllbrei und den schleimigen Papayaresten, die Jonas heute Mittag dort hingekippt hat. Inzwischen balgen sich die Milane drum. Das Zimmer liegt im neunten Stock. Von hier hat er einen netten Blick über das Südende von Bombay-Juhu. Links sieht er einen Ausschnitt vom Arabischen Meer; ölig glitzernd und spiegelglatt. Rechts das Meer der Häuser, kleine gedrungene Bauten mit niedrigen Stockwerken, weil die Inder so kleinwüchsig sind, ein Zwergenvolk. Vereinzelt ragt ein moderner Hotelkomplex aus dem Palmgrün; ganz rechts erkennt er sogar so etwas wie eine Sehenswürdigkeit: ein alter Kolonialbau, viktorianisch vielleicht? In den engen Straßen drängen sich die gelben Moto-Rikshaws auf drei Rädern zwischen überfüllten Bussen. Dazwischen Palmen. Auf den Palmen schwarze Milane. Südindien gehört den Milanen. Es riecht nach Meer und Kot, nach Sommer und Abend, nach Abgasen und exotischem Gewürz. Jonas atmet tief durch und fragt sich zum wiederholten Male, was ihn an diesem typisch- indischen Geruch eigentlich stört. Es ist so eine eigentümliche Mischung aus Patchouli, Curry , Sauerampfer und Bio-Müll. Er kann ihn eigentlich gar nicht richtig beschreiben. Man müßte indische Luft in Flaschen füllen und an neutralen Orten ausblasen. Das Vogel-Gekreisch geht ihm auf die Nerven. Das Gehupe unten in den Straßen geht ihm genauso auf den Geist. Vom Gestank wird ihm schlecht. Die Hitze macht ihn fertig. Jonas entschließt sich für das einzig richtige in so einer Situation: er schluckt zwei Valium, schließt die Augen und schläft ein. Der späte Abend sieht ihn auf der Straße. Jonas braucht Rupees. Schwarzumtausch bringt 10% mehr, vor allem bei US-Dollars, aber wie soll er den Schwarzmarkt finden? Vor dem Hotel kauern die Bettler. Entnervt schüttelt er Hände vom Hemd, wirft panisch mit Paisas um sich. Er flieht auf den Bürgersteig. Dort lungern die Taxen. Massen von Taxifahrern in allen Größen. Ratschlag für Indienreisende Nr. 24: Alle Taxifahrer sind Gauner. Aber ohne sie erfährt man nicht mal die Uhrzeit "Hello"
(Die übliche Anmache) Jonas geht weiter. Jonas
ist noch nicht besonders gewieft. Später wird er antworten: aus Finnland,
vom Senegal, aus Lummerland, aus der Hölle. So aber antwortet er
wahrheitsgemäß: "From Germany", und erntet die schwer
einschätzbare Bemerkung: "Oh - wandärrful Kantrri!- Want change Manni?"
"Okay- change Dollars. How much for 100?" Der Taxifahrer
sieht sich verschwörerisch um, dann kommt er einen Schritt näher.
Er riecht nach Patchouli und Masala. "Nineteen." Jonas
überlegt. Die Bank gibt ihm 1680 Rupees für Hundert Dollar und
es dauert eine halbe Ewigkeit, weil die Beamten sich jede Banknotennummer,
den gesamten Reisepaß und sicherheitshalber die Visitenkarte umständlich
notieren. In vierfacher Ausfertigung. Hier bekommt er 1900 Rupees und
das ohne jeden bürokratischen Scheiß. Dafür sind die Scheine
vielleicht falsch. Egal - wenn er das nicht merkt, merken es die blöden
Inder schon gar nicht. Jonas nickt dem Fahrer zu und läßt sich
zu einem Kiosk führen. Mist," denkt sich Jonas, "Mistmistmist!"
"The Rest of the Business," erklärt er und wackelt mit dem Kopf.
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