Shabu: Textprobe 1

Der erste Gedanke war: Dieser LKW parkt falsch auf deinem Schädel. Sag dem Fahrer, daß du'n Ex-Bulle mit excellenten Verbindungen bist. Die Schmerzen hielten an. Dann dachte ich: So wie's aussieht, schläfst du besser weiter.

Als ich zum zweiten Mal erwachte, stellte ich fest, daß mein linkes Ohr besonders schmerzte. Und mein übriger Corpus fühlte sich an, als hätte man sämtliche Knochen und Muskeln entfernt und nach postmodernen Gesichtspunkten wieder zusammengenagelt. Ich probierte, meine Augen zu öffnen. Zwecklos, dafür würde ich einen Baukran brauchen.

Ich versuchte, mein vegetatives Nervensystem durch bewußte Ansprache zu motivieren. Schließlich handelte es sich um ein ganz normales Augenlid, was sprach dagegen, es zu öffnen? Aber mein vegetatives Nervensystem schien genug von meinen Eskapaden zu haben. Es war der Ansicht, daß es saumäßig weh tun würde, die Augen zu öffnen. Ich zog ein Lid hoch. Es tat saumäßig weh.

Direkt vor mir, in Augenhöhe, war ein Trupp Ameisen damit beschäftigt, die Schäden auszubessern, die meine linke Hand auf ihrem Bau verursacht hatte. Sie lag auf einem kleinen Erdhügel. Der Erdhügel wiederum gehörte zum Wurzelgeflecht einer Eiche, die Teil einer vergrößerten, parkähnlichen Verkehrsinsel war. Es roch nach Erde, Veilchen und Pisse.

Außer der erwähnten Eiche erspähte mein linkes Auge eine ältliche Dame, die sich in breitestem Berlinerisch darüber ausließ, "det Bundesbürja neuadings in Veilchenbeeten zu nächtijen pflegten", dann einen eiförmigen Polizisten, der nur wenig Aufmerksamkeit für mich übrig hatte und schließlich zwei Sanitäter der Johanniter-Unfall- Hilfe, die versuchten, mich auf eine Trage zu hieven.

"Brauchen sie etwas?", fragte mich einer der Johanniter, als er mein geöffnetes Auge bemerkte. "Mrmbll..." brachte ich hervor. Der Johanniter nickte verständnisvoll. Ich tauchte wieder ins Reich der Alpträume ein.

Als ich zum zweitenmal zu mir kam, war die Welt weiß und rumpelte. Zwei Grünkittel schoben mich einen langen Gang entlang. Einer von ihnen beugte sich über mich.

"Er ist aufgewacht!" rief er. "Sie können ihn jetzt fragen, Herr Professor!"

Ich wurde von einem weiteren Grünkittel beäugt. Er hielt einen labbrigen, grauen Fetzen an einer Pinzette vor meine Augen.

"Gehört das Ihnen?", fragte er mich.

Ich murmelte irgendwas, brachte aber kein klares Wort hervor.

"Wie bitte?"

Ich gab mir etwas mehr Mühe: "Kenne ...die Pun ...Pinzette nicht!"

Er sah den anderen Grünkittel an und schüttelte den Kopf. "Ich meine nicht die Pinzette, ich meine das Ohrläppchen. Gehört es Ihnen?"

"Wieso?" Meine Stimme wurde klarer. Das kam von dem Adrenalin, das mir plötzlich durch die Adern schoß. "Fehlt mir denn eins?"

"Ich würde sagen ja," rief er fröhlich, "Ihnen fehlt ganz entschieden ein Ohrläppchen. Und wir haben Grund zu der Annahme, daß es sich um genau dieses hier handelt, weil es nämlich gut verpackt neben Ihnen lag. Möchten Sie es wiederhaben?" Er fuchtelte wieder mit diesem undefinierbaren Fetzen vor meinen Augen herum. Ich konnte nur noch nicken, bevor ich wieder wegsackte.

Diesmal entließ mich die Narkose in einen weißgetünchten Raum. Rechts stand ein leeres Bett, links ein Beistelltisch mit Lampe. Ich lag eine Weile so da und versuchte, mich zu erinnern. Plötzlich krachte die Tür auf, und der Professor stürmte in den den Raum. Das Zimmer wimmelte auf einmal von weißen Kitteln. Die Meute umringte mich, bewaffnet mit Klemmbrettern, Kugelschreibern und kumpelhaftem Grinsen. Der Professor fühlte meinen Puls und klopfte mir auf die Schulter. Das tat höllisch weh. Ich sah ihn mißtrauisch an.

"Da haben wir also einen echten Privatdetektiv, den es bei seinen Ermittlungen ein wenig gebeutelt hat, nicht wahr? Ha! Ha! Ha!" Er fand das wohl ungemein komisch. War ich Privatdetektiv?

"Haben wir gut wieder hingekriegt mit dem Ohrläppchen. In drei Tagen kann der Verband ab!" Eine pferdegesichtige Studentin lächelte mir zu. Ich versuchte ein Augenzwinkern, brachte aber nur ein nervöses Zucken zustande. "Ferner renkten wir unserem Kandidaten den rechten Arm wieder ein," rief der Professor und deutete mit dem Kugelschreiber auf die verschiedenen Körperteile, "schienten drei gebrochene Finger der linken Hand und behandelten eine Reihe von Prellungen, oder besser gesagt wir cremten die wenigen nicht-geprellten Stellen am Körper mit PH5, damit ihm die neben den vielen Verbänden nicht austrocknen, hahahaha!" Seine Hand krachte wieder auf meine angeblich heilen Schulter. "Wird noch für einige Zeit bei uns bleiben, der Kandidat!"

Ich wollte ihn fragen, was das für eine Verpackung gewesen war, in der mein Ohrläppchen gelegen hatte, und wollte überhaupt eine Menge Sachen wissen, kam aber nicht dazu, ihn auszufragen, da er davonrauschte, ehe ich meinen Mund aufbekam, seinen Troß im Schlepptau.

*

Ich lag in aller Seelenruhe im Krankenbett und konzentrierte mich auf meine diversen Schmerzen.

Ein leises Gespräch störte mich in dieser Kontemplation; eine männliche Stimme redete mit einer weiblichen Stimme. Der Gesprächsgegenstand schien meine Wenigkeit zu sein. Es klang wie ein Gespräch aus einem Serienkrimi.

Männliche Stimme: "Ist er vernehmungsfähig?" Weibliche Stimme: "Im Prinzip ja, aber regen Sie ihn nicht zu sehr auf. Er hat starke Schmerzen."

Männliche Stimme: "Ich werd mir Mühe geben. Darf er sprechen?"

Weibliche Stimme: "Seine Kiefermuskulatur ist unverletzt."

Die Tür ging auf. Ein ziemlich breiter Kerl trat ein. Graumelierte Schläfen, buschige Augenbrauen, breite Wangenknochen und ein Kinn zum Nüsse knacken. Er trug einen taubengrauen Anzug. Irgendwie kam er mir vertraut vor, und er sah auf eine beängstigende Weise verärgert aus."Hallo Jarosh! Mein Gott, siehst du beschissen aus."

Aha. Ich hieß Jarosh. Und ich sah beschissen aus. "Ich hab dir deinen Koffer aus dem Hotel holen lassen. Hier ist er."

Er wuchtete einen Koffer ans Fußende. Er setzte sich auf die Kante des leeren Bettes neben mir. "Dann woll'n wir mal", sagte er dabei. Sein Blick war nicht besonders freundlich. "Wenn dich nicht schon jemand anders durchgemangelt hätte, dann würde ich es jetzt tun." Ich wartete ab.

"Okay, da es dir wieder besser zu gehen scheint, fangen wir mit dem chemischen Gutachten von Dr. Kröger an. Anlaß war eine ominöse Unter-suchungsanforderung der Köpenicker Wache, von der dort allerdings niemand etwas weiß. Vielleicht erfahre ich durch dich etwas darüber? Hm?" Ich wollte fragen, wer Dr. Kröger war, brachte aber nur ein Krächzen hervor.

Er stand auf und ging ans Fenster. Offensichtlich war er der Ansicht, daß wir uns gut kannten, sonst hätte er sich mir längst vorgestellt. Und ein Bulle war er obendrein.

"Schöne Aussicht hast Du hier," sagte er nach einer Weile. "Es kann allerdings sein, daß Deine Aussichten bald erheblich schlechter werden, mein Lieber, und zwar, weil," er wandte sich vom Fenster ab und setzte sich wieder auf die Bettkante, "in diesem Untersuchungsbericht von Beweismitteln die Rede ist." Ich ließ ein kränkliches Hüsteln hören. "T'schuldigung: wer bin ich, wo komme ich her und wohin gehe ich? Und wer sind Sie?"

Dem Nußknacker war die Kinnlade leicht nach unten verrutscht, aber er hatte sich schnell wieder in der Gewalt."Oh Scheiße," sagte er, "Amnesie, was?"

"Offensichtlich," erwiderte ich und richtete mich mühsam auf. "Offensichtlich versucht mein Unterbewußtes mich zu schützen. Es enthält mir Dinge vor, die in der jüngsten Vergangenheit liegen und sitzt dabei leider mit dem Arsch auch auf der restlichen Psyche. Also nochmal: wer bin ich und was mache ich hier?"

Der Kerl seufzte. "Ich bin Konrad. Konrad Krayer. Und du bist Jaroslav Koscinsky, Ex-Polizist und jetzt Privatdetektiv aus Frankfurt am Main und du befindest dich in einer Klinik in Berlin, und was du hier machst, hätte ich eigentlich gern vor dir gewußt. Aber eins ist klar: Du steckst bis zum Hals in der Scheiße.

"In was für einem Fall?"

"Na, in deiner Japanermordserie. Nu stell dich nicht so blöde!"

Ich riß die Augen auf. Er stand auf und stolzierte vor meinem Krankenbett auf und ab.

"Wir hatten da eine Anfrage aus Frankfurt, sagt dir der Name Karl Grüngauer etwas? Pommes aus FFM?"

"Pommes?"

"Polizeiobermeister. Das letzte Mal wurde er in Begleitung einer gewissen Rita Nishio gesehen, ich glaube, über die Dame könntest du mir so einiges erzählen, oder? Aber wie ich sehe, willst du nicht, willst lieber in den Knast. Hier, da lag dein Ohrläppchen drauf!"

Er drückte mir ein kleines, kunstvoll verschnürtes Päckchen in die Hand. Auf dem hauchdünnen Seidenpapier waren japanische Schriftzeichen am Rand.

Ich guckte wahrscheinlich blöd. Und dabei machte irgendetwas in meinem Klopf laut und deutlich KLICK. Die Ereignisse der letzten Tage standen mir plötzlich gestochen scharf und coloriert vor Augen. Karl Grüngauer. Ja, ich erinnerte mich gut an ihn. Ich hätte ihn da nicht mit hineinziehen sollen. In diese ganze leidige Angelegenheit. Und Rita Nishio. Die geheimnisvolle Rita. Wie war das noch? Ah ja: ich hatte einen Auftrag. Routinesache. Scheißlangweilig.

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