Ree..!

Rael Wissdorf 2003

...rief Carsten zum wiederholten Male, während ihm die nassen Haare in die Stirn klatschten, "Ree! Verdammt nochmal!"
Ich geb' dir gleich Kontra, dachte Marina grimmig und versuchte zu erraten, was sie jetzt zu tun hatte. Doch er schrie unbarmherzig weiter: Die Schot! Du musst die Schot dicht bei der Pinne halten, und stärker anluven!"
"Luv dich doch selber!" Mißmutig warf sie das Ruder herum und wurde sofort von einer Sturzsee bestraft, die ihre neue GoreTex-Hose durchnäßte. Sie fror schauderhaft. Saublöde Idee, sich auf diesen Segeltörn mit Carsten einzulassen. Es war kalt, es war nass und Carsten benahm sich wie der durchgeknallte Kapitän in "Die Caine war ihr Schicksal". Aber so benahm er sich eigentlich immer. Sie ließ ihren Blick - sofern der stramme Wind das zuließ - über die wogende und schäumende Wasserfläche gleiten, bis der dunkle Streifen Land in Sicht kam. Dorthin wollte sie, nur noch dorthin, und zwar so schnell wie möglich, raus aus den nassen Klamotten, rein in die gemütliche Seemanskneipe und so lange stocksteife Grogs in sich reinschütten, bis sie ihre verkrampften Muskeln nicht mehr spürte.
"Hörst du nicht, wie das Segel killt? Wir liegen zu hart am Wind", kam es nun wieder von Carsten. Er lag bäuchlings auf der Kajüte vorn im Boot und fummelte an den dreieckigen Stoffetzen herum. "Du siehst doch, daß ich den Klüver beihole! Schrick die Schot!"

Aha, Klüver hieß der Fetzen. Na gut, dann würde sie mal schricken, was auch immer das sein sollte. Sie zerrte aus Leibeskräften an der Nylonschnur, die sie in ihren klammen Händen hielt. Sofort schwang das Ding, welches er "Baum" nannte herum, und das Segel bauschte sich im Wind. Das Boot krängte stark über und nahm Wasser auf.
"Bist du blöde?!" brüllte Carsten. "Jetzt werden wir ösen müssen! Hast du sie noch alle!?" Das Wasser im Boot schwappte um ihre Füße bis an die Knöchel. Verdammt. Das bedeutete, Wasser schippen. Wenn dieser Kerl mich noch einmal anbrüllt, dachte sie, den Tränen nahe, dann stopfe ich ihm einen faulen Fisch in den Hals, wenn er schläft.
Aber Marina beugte sich nach vorn, griff sich den Plastikbecher, der für solche Zwecke vorgesehen war und begann fluchend zu "ösen".

Stunden später sah sie der Abend durchnässt, frierend und völlig erschöpft in den Yachthafen einlaufen. Sie hätte eigentlich erwartet, dass die anderen Spalier stehen würden, hatten sie sich doch schließlich einen ganzen Tag lang durch schwere See gekämpft und bis an die Grenzen der Erschöpfung geschuftet wie die Maulesel, nein besser wie die Seekühe..oder sonstwas. Aber niemand nahm Notiz von Landratte Marina und ihrem strammen Loverboy, der im Büro sonst immer so eine wettergegerbte Aura verbreitete. Marina warf dem Mann an der Kaimauer die Leine zu, die dieser an einem Poller festmachte.
"Na ming Deern?" sagte er grinsend durch seine kurzstielige Pfeife im Mundwinkel. "büschen Wind gerochen und Wasser eingeholt?" Hol dich doch der Teufel, dachte Marina und machte, daß sie zur Pension kam, ohne sich noch einmal nach Carsten umzusehen.

Als sie dann endlich in der knuffigen Pinte saßen und Erbsensuppe mit Speck löffelten, kehrten die Lebensgeister langsam zurück. Der Tisch füllte sich mit Gästen der angrenzenden Pension "Seeblick" und Carsten kam nach ein oder zwei Grogs langsam in Fahrt. Aus ihrem heutigen Törn machte er ein gewaltiges Seemannsgarn, mit welchem er seine Zuhörer um den Finger zu wickeln gedachte - auf Marinas Kosten, die als hoffnungslose Landratte ihr Fett wegkriegte, wo es nur ging.
"Sie versteht wirklich kein Kommando," gab er prustend zum Besten. "Wenn man eine Halse durchführt, steht sie da und sucht nach dem Halsband!" Tischumspannendes Gekicher.
"Ist Max eigentlich schon da?" fragte die Brünette im grünen Wollpullover. "Er wollte doch heute abend anlegen?"
"Nee," antwortete ein blonder Beau neben ihr. Mit seinem Drei-Tage-Bart und seinen stahlblauen Augen hätte er als Calvin-Klein-Model durchgehen können. "Max kommt von der Südspitze rüber, da braucht er etwas länger. Heut nacht wird er nicht lossegeln, da hätte er ja die Tide gegen sich!"
Die Brünette beugte sich zu Marina hinüber, als diese sie fragend ansah. "Max Klaasen ist mehrfacher Regattasieger, dein Carsten hat schon paarmal erfolglos versucht, bei ihm anzuheuern. Unschlagbar, ein Spitzenseemann. Der würde nie gegen die Tide ansegeln, nicht um diese Jahreszeit!"
"Was für'ne Tide?" fragte Marina dummerweise. "Ist das ein großes Schiff auf Kollisionskurs oder was oder wie?"
Sie erntete brüllendes Gelächter. "Nee, nee, ming Deern", äffte Carsten den alten Seebär von der Mole nach, "die Tide, das ist die Strömung von Ebbe und Flut. Und jetzt haben wir Ebbe. Die zieht einen aufs offene Meer!" Er grinste sie gönnerhaft an.

Ihre Stimmung sank auf den Nullpunkt. Komm du nur heut nacht und will was von meinem Luxuskörper, du Null, dachte sie bei sich und malte sich in Gedanken die Abfuhr aus, die sie ihm geben würde. Anluven!, würde sie ihm zurufen, und "schrick doch den Baum nicht so!", bevor sie ihm ein Glas Wasser über seinen Männerstolz schütten und sich mit der Bemerkung "schön ösen, ich geh dösen" verabschieden und zu Seite drehen würde.
Aber es kam anders. Kaum hatte Carstens Pyjama die Liegefläche berührt, sank er in der gleichen Anzahl Sekunden in Tiefschlaf, die sein Porsche benötigte, um auf 100 zu beschleunigen. Marina saß mit verschränkten Armen daneben und grollte wie ein Vulkan. Eine Stunde saß sie so neben ihm und konnte nicht schlafen. Sie sah ihn an. Er lag wie ein toter Bär auf dem Rücken, die Arme bettumspannend ausgebreitet, als bewache er noch im Schlaf sein Territorium; seine Brust hob und senkte sich, sein schnorchelnder Atem strömte durch den halbgeöffneten Mund, von dessen Mundwinkel ein dünner Speichelfaden das Kinn herabsickerte. Wahrscheinlich träumte er jetzt wieder von seemännischen Heldentaten, nein - er träumte wohl eher davon, wie er von seemännischen Heldentaten erzählte, sich feiern ließ. Männern wir Carsten ging es nicht darum, mit ihren Leistungen etwas zu bewirken, etwas zu vollbringen, es ging ihnen einzig und allein um den Ruhm, die Bewunderung und den Status, den das einbrachte. In seinem Wertesystem zählte nur der Besitz. Aber - so dachte sie sich - was wollte er dann eigentlich von ihr? Weder konnte sie gut segeln, noch hatte sie in irgendeiner anderen sportlichen Disziplin je geglänzt - wenn er nur den Ruhm achten konnte, was achtete er dann an ihr? Sie war ein furchtloser, optimistischer Charakter, jedenfalls bevor sie Carsten kennengelernt hatte. Manchmal war sie auch noch die kleine Kröte, die sie als goldgelocktes Mädchen gewesen war. Aber in erster Linie war sie ein Mensch der Sprache, ein Mensch des Denkens, sie versuchte, den Dingen auf den Grund zu gehen, suchte hinter dem Geheimnis menschlicher Kommunikation jenen Antrieb, der Menschen dazu brachte, sich zu entwickeln. Sie versuchte in Menschen hineinzusehen, und sie zu erfühlen - Carsten sah nur ihre Abzeichen und Medaillen, und auch davon nur eine Seite. Wenn sie versuchte, mit Carsten über Rimbeauds Verse zu sprechen, glaubte Carsten, es sei von einem Marathonläufer die Rede, der sich die Ferse gebrochen hatte. Also - was wollte er von ihr? Sie stand auf und warf einen Blick in den Spiegel. Noch Fragen, Marina?, sagte sie zu sich selbst. Schau da hinein, und du weißt, was er will. Du bist eine Trophäe, du bist der Pokal. Du stehst da oben auf einem Regal, wirst jeden Tag poliert und mit Besitzerstolz herumgereicht, als weiterer Beweis für die Gottähnlichkeit eines hohlen Mannsbildes. Was sich in diesem Pokal befindet, ist völlig egal, ob Essig oder Wein, er würde es nicht einmal ansehen, geschweige denn trinken wollen - im Gegenteil - leer war er noch am nützlichsten, dieser Pokal, denn dann geriet man nicht in Gefahr, sich zu bekleckern. Wäre dieser Becher gefüllt - mit was auch immer - Carsten hätte es verächtlich in den Ausguß geschüttet. Ohne zu bemerken, dass sich pures Gold darin befand.

Ein Gefühl plötzlichen Ekels schüttelte sie. Sie vermied es, Carsten ein weiteres Mal zu betrachten und wanderte zum Fenster. Ihr Blick schweifte über die Mole. Dort lag sein Boot fest vertäut. Was, zum Henker, war eigentlich so schwer an dieser Segelei? Sie blickte aufs Meer hinaus. Die See hatte sich beruhigt. Ein wunderschöner Dreiviertelmond tauchte die Mole in ein silbriges Licht. Ein Bild des Friedens. Nur eine ganz leichte Brise strich durch die Takelagen und sang eine wehmütige Melodie in den Tauen. Und ein paar Wimpel flatterten dazu, als würden sie applaudieren. Marina drehte sich um und sah ein letztesmal auf ihren schnorchelnden Möchtegern-Seebär hinab. "Bevor ich dich endgültig verlasse," sagte sie leise, "werde ich dir deinen Nimbus nehmen. Du wirst dich noch wundern, du Angeber." Und zog sich warm an.


Nur kurze Zeit später holte sie den Anker ein, warf die Leinen los und legte ab. Das Handy hatte sie doch sicherheitshalber vorher eingesteckt und die Batterie überprüft. Sie zog an der Dingsleine und der riesige Fetzen wanderte den Mast hoch. Dann zerrte sie an der Bumsleine und der Dingens schwenkte herum. Das Segel bauschte sich leicht im Wind, der von äh..hinten kam und trieb sie zur Bucht hinaus auf die leicht rollende glitzernde Mondsee. Ein nie gekanntes Glücksgefühl durchströmte sie. War doch ganz leicht! Die Elemente über, unter, hinter und um sich zu haben, sie zu bändigen und sich von Ihnen tragen zu lassen, diese Symbiose aus Natur und Technik, aus Wille und Schicksal zu spüren, das war schon etwas großartiges. Jetzt verstand sie die Begeisterung, die Männer beim Segeln, beim Rennsport oder bei der Jagd empfanden. Es war der alte Menschheitstraum - Herrin über die Natur zu sein und hier würde er ihr plötzlich bewußt. Und wie diese blöden Dinger hießen, das war doch schnurz. Natürlich sah sie jetzt ein, daß zur besseren Verständigung eine gewisse Terminologie notwendig war. Und da sie eine Frau der Sprache war, belegte sie die verschiedenen Teile des Bootes und ihre Handgriffe mit eigenen Namen. Sie schlupfte die Schmorschnur über die Rauhkante und ließ den Rundstock etwas nach. Das Tuch möckte auf und geifte ein wenig. Nur noch eine Spinschnur strammen und beobachten ob die Brise blörte. Sie kicherte in sich hinein und nahm sich vor, Carsten morgen mit diesem Kauderwelsch zu ärgern bis er schwarz wurde. Moment! Was hatte sie da gerade gedacht? Bildete sie sich allen Ernstes ein, Carsten würde ihre sprachliche Kreativität auch nur eine Sekunde lang würdigen können? Perlen vor die Säue. Nein, "Ich bin ein Anderer" dachte sie mit Rimbeauds Worten, und stützte ihr Kinn auf ihre Faust. Eine Weile glitt sie so dahin...


Bis es ihr dann irgendwie auf indifferente Weise langweilig wurde. Der Wind blies jetzt heftiger und sie fröstelte. Vielleicht war es an der Zeit, zurückzufahren. Genug der Elemente, sie hatte sich als Herrin erwiesen, jetzt war es an der Zeit heimwärts zu segeln und den Triumph zu genießen. Sie blickte nach hinten und erschrak: wo war das Land abgeblieben? Da war nichts als schwärzeste Dunkelheit. Und der Mond? Sie sah nach oben. Dunkle Wolken. Schwarze, finstere, fette irgendwie unheilschwangere Wolken fraßen ihren Lichtbringer auf, ließen ihn dann wieder durchschimmern, nur um in kurz darauf ganz einzuhüllen. Hektisch schwenkte sie den Baum und versuchte den Wind steiler von der Seite einzufangen. Der Bug drehte durch den Wind, wich dann aber seitlich ab. Das Boot weigerte sich strikt, auf Gegenkurs zu gehen.
Wieder versuchte Sie zu wenden, und wieder rauschte der Bug durch den Wind und wieder befand sie sich wie ein Brummkreisel auf dem alten Kurs. Verflucht und zugenäht, dachte Marina. Wie macht das Carsten denn immer, wenn es gegen Wind und Strömung geht? Natürlich! Er mußte irgendwo einen Motor versteckt haben. Einen kleinen Elektromotor vielleicht? Und sie blöde Gans war auf seine raffinierte Show reingefallen...gegen den Wind segeln, ho ho! Jedem Kind sollte klar sein, daß so etwas reiner Blödsinn ist. Physikalischer Mumpitz! Also! Sie sah sich um. Wo war der blöde Motor? Aber so sehr sie auch suchte, sie fand keinen. Dieses dämliche vorsintflutliche, aus viktorianischer Zeit stammende Mistboot hatte einfach keinen gottverdammten Motor. Das Handy! durchfuhr es sie. Natürlich, wir leben im zweiten Jahrtausend! Rettungshubschrauber her! Zitternd tastete sie in ihrer Tasche nach dem Ding, fand es, öffnete es mit klammen Fingern und begann, mit dem Daumen die Tasten zu drücken, während sie die - Schot, ja so hieß das verdammte Seil - zwischen die Zähne klemmte. Doch eine plötzliche Böe zwang sie, die Schot zu straffen, versehentlich hielt sie sich daran fest, der Bug schwenkte herum und eine hohe See hob sie an und warf sie kurz darauf wieder zurück. Mit einem dumpfen Plumps verschwand das Handy in der Nordsee. Fast heulend vor Wut grapschte sie im schäumenden Tiefseewasser danach, und schalt sich eine Närrin. Dann saß sie nur noch da, hielt die Schot, und starrte mit schreckgeweiteten Augen starr der offenen See entgegen.


Bis sie die Mastspitze am Horizont zum erstenmal sah. Zunächst nur ein tanzender grauer Fleck, der sich vom trüben Morgenlicht abhob, wurde immer deutlicher ein Segel daraus; und bald schon, konnte sie eine hochaufragende Gestalt am Ruder stehen sehen, die ihr sogar zuzuwinken schien. Hatte da jemand ihre mißliche Lage erkannt? Sie wollte schon jubilieren, als sie innehielt: beim Poseidon, was war das denn? Die Gestalt schien plötzlich durch die Luft zu fliegen und verschwand aus ihrem Blickfeld, ein Ruck ging durch das entfernte Boot und soweit sie es erkennen konnte kam es völlig zum Stillstand. Das große Segel, es kippte! Das Boot kenterte, kaum 300 Meter von ihr entfernt und der Mann, der es eben noch so glorreich gesteuert hatte lag im Wasser und wahrscheinlich unter dem Tuch und wurde unbarmherzig in die See gedrückt. Taumelnd ergriff sie wieder das Ruder und versuchte, ihr Boot in die Richtung des Gekenterten zu manövrieren. Aber Sturzseen stellten sich ihr immer wieder in den Weg. Jetzt sah sie ihn wieder. In seinem schweren Ölzeug schwamm er um sein Leben, immer wieder wurde er in die Tiefe gezogen, wahrscheinlich riß er sich jetzt panisch die Kleider vom Leib. Marina schrie etwas, sie wußte selbst nicht, was es war, aber es sollte den Anderen dort zum Durchhalten ermutigen. Plötzlich schien die See ein Einsehen zu haben: eine gewaltige Welle rollte unter ihr Boot und warf sie ein großes Stück nach vorn. Wie ein Wellenreiter glitt ihr Boot geradewegs auf den Schiffbrüchigen zu, so daß sie ihn sogar erkennen konnte; schmal war er und pudelnaß - mit großen traurigen Augen, die sich in ihre zu versenken schienen. Eine weitere Glückssee hob sie ganz dicht an ihn heran, so daß seine Hand die Bordwand fassen konnte. Jetzt hing er da und sie versuchte, ihn hereinzubekommen - ein Kraftakt, der alle ihre Reserven kostete. Und dabei sah sie auch die Ursache des Unglücks: ein eisenbeschlagener Holzpfahl, groß und mächtig, der sich vollgesogen hatte und tückisch unter der Oberfläche trieb. Eine regelrechte Bootsfalle.
Schließlich hatte sie es geschafft, den Körper des Mannes aus dem Wasser und an Deck zu hieven. Da lag er nun, der Schiffbrüchige, und das Wasser lief ihm aus Mund und Nase.
"Danke," sagte er dann heiser, mit schwacher Stimme. "Hab mir ,ne Rippe gebrochen, glaube ich, kann Ihnen leider nicht helfen. Aber ich kann Ihnen sagen, was sie tun müssen, um uns an Land zu bringen."
"Aber kein Seemannskauderwelsch, das verstehe ich nämlich nicht," grinste Marina ihn an. "Wenn Sie am Leben bleiben wollen, dann reden Sie deutsch mit mir." Er lächelte und nickte. Und dann sagte er ihr, was sie zu tun hatte. Jede seiner präzisen und ruhig gesprochenen Anweisungen führte Marina sorgfältig und exakt aus. Das Boot kreuzte flink gegen die schwere See, tanzte behend auf den Wellen und nach wenigen Stunden kam der Hafen in Sicht. Inzwischen hatten sich die Wogen geglättet und der Morgen graute. Das Boot glitt sanft auf der Dünung und trieb gemächlich auf den Hafen zu. Marina entspannte sich etwas und sah sich ihren Schiffbrüchigen genauer an. Er kauerte an der Ruderpinne, nass wie eine Robbe, und zitterte vor Kälte. Sein Haar hing ihm wirr ins Gesicht, welches zu einer schmerzverzerrten Grimasse erstarrt war. Aber seine Augen waren ein Wunder für sie. Noch nie hatte sie bei einem Mann so schöne Augen gesehen. Sie passten eigentlich gar nicht zu einem Seemann - oder vielleicht erst recht? Lernte sie vielleicht erst jetzt, was es bedeutete, auf den Wassern zu fahren?
"Warum sind sie mitten in der Nacht gegen die Tide gesegelt?" hörte sie sich selber fragen. Er lächelte sie an und zuckte die Achseln. Dabei stöhnte er kurz auf, denn seine gebrochene Rippe verkraftete das wohl nicht gut.
"Und bald wird sich der Reisende selber als Schiff, als trunkenes Schiff beschreiben," sagte er leise. Sie stutzte.
"Sie kennen Rimbeaud?" fragte sie erstaunt. Er sah sie an. "Ich entdeckte ihm am Boden einer Flasche Absinth, "erklärte er. "und da sollte er eigentlich auch bleiben, wenn man Verstand hat. "
"Und?" setzte sie nach. "Haben Sie welchen?"
Er schüttelte den Kopf. "Man braucht nicht viel Verstand, um zu überleben," sagte er, immer noch sehr leise. "aber man braucht ein Herz, das brechen kann, um zu verstehen, warum es schlug."
Sie kam zu ihm herüber und setzte sich im Schneidersitz vor ihn hin. "Wer bist du?" fragte sie. Er hustete.
"Max Klaasen, angenehm." Sie prustete.
"Dieser Supersegler? Das kann doch nicht wahr sein!"
Er warf den Kopf zurück und lachte. Ein jungenhaftes, schelmisches Lachen, und Marina fühlte, dass sie dieses Lachen mochte. Nein - mehr als das. Sie streckte ihre Hand aus.
"Ich heiße Marina."
"Ein schöner Name," erwiderte er und nahm ihre Hand. "Wie geschaffen für die See. Das hast du verdammt gut hingekriegt." Er ließ ihre Hand nicht los, und sie ließ es geschehn.
"Man braucht nicht viel Verstand, um ein Boot zu lenken," sagte sie. "Nur ein gebrochenes Herz, welches den Weg zum Hafen weist."
"Der Hafen war aber in der anderen Richtung."
"Nein," widersprach sie. "Das war schon der richtige Weg." Er sagte nichts dazu. Sie sahen sich nur an. Das Boot rollte in der sanften Dünung und brachte sie sacht immer näher an den Hafen heran. Irgendwann nahm sie ihn in die Arme. Sie spürte, wie er zitterte, und drückte ihn sanft an sich. Nach einer Weile hörte er auf zu zittern.
"Ich bin ein anderer," sagte er plötzlich unvermittelt. Schon wieder Rimbeaud!, dachte sie, und antwortete leise: "Ja, ich auch."


© R. Wissdorf 2003 | Vita | Bücher | Webprojekte | Online-Texte | E-Mail