Downtown: Leseprobe

Das Haus in der Domstraße 23 gehörte zu einer Zeile ultrasanierter Altbauten am Rande der ehemaligen Altstadt. Die mächtige, von zahlreichen Ornamenten verzierte Domspitze ragte über den Dächern der Häuserzeilen empor. Der Baumeister Madern Gerthener hatte dem Dom ursprünglich einen runden Turmabschluß gegeben, alle historischen Bilder von Frankfurt zeigten ihn nur so. Die spitz zulaufende Konstruktion existierte erst seit dem Ende des neuzehnten Jahrhunderts, Driessen dachte daran, daß er schon immer mal nach dem Grund für die Umgestaltung forschen wollte. Immer, wenn er den Dom sah, beschlich ihn ein unheimliches Gefühl. So als ob der düstere Steinbau noch ein Geheimnis in sich trüge, ein Geheimnis, welches tief im Inneren des Gotteshauses verborgen lag. Und in der Tat hatte man ja hier vor kurzem ein Merowingergrab entdeckt. Es kam sicher nicht von ungefähr, daß hier an diesem Ort die deutschen Kurfürsten ihren Kaiser wählten..

Direkt gegenüber der Eingangstür von Nr. 23 befand sich der beste Fischhändler der Stadt. Driessen drückte den Klingelknopf, unter dem "Nagel" stand.

"Ja bitte?" Die Stimme klang etwas gequetscht.
"Driessen hier." Die Sprechanlage lag nicht ganz in Mundhöhe. Er haßte es, sich vor solchen Apparaten verbeugen zu müssen.
"Treten Sie ruhig schon ein, ich bin subito bei Ihnen." Es knackte.

Driessen drückte die schwere Eichenholztür auf und betrat den Hausflur. Ein Geruch nach teurem Bienenwachs und kühlem Stein schlug ihm entgegen. Der Boden bestand aus rötlichem Marmor, das Treppengeländer hatte vergoldete Köpfe an jedem Absatz. Die gebohnerte Edelholztreppe schraubte sich schneckenförmig um einen altertümlichen Aufzugschacht, in den man allerdings einen modernen Kabinenaufzug eingebaut hatte. Die Kabinentüren waren Goldmetallic lackiert. Rechts neben der Fahrstuhltür zeigte ein altmodischer Anzeiger in Form eines Amors mit der Pfeilspitze auf die Fünf. Irgendwo weit über ihm ertönten Schritte. Eine Aufzugtür summte. Plötzlich glaubte er ein unterdrücktes Keuchen zu hören, welches von den Flurwänden widerhallte, aber vielleicht war das auch nur Einbildung.

Sekunden später gab eine leichte Erschütterung, gefolgt von einem kleinen Ruck, als hätte der Aufzug einen Schluckauf gehabt. Amors Pfeil und Bogen wanderten von der Fünf auf die Vier. Nagel war von seiner Dachwohnung unterwegs zu ihm ins Erdgeschoß. Driessen sah auf die Uhr. Es war vierzehn Uhr dreißig.

Er legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Zwei dicke Kabel hingen in weiten Schlaufen vom Kabinenboden in den Schacht hinab. Die Kabine hatte jetzt den zweiten Stock erreicht. Etwas tropfte. Es war eine dunkle Flüssigkeit, die sich unter dem Kabinenboden sammelte, auf den Boden des Schachts klatschte und träge das geschnörkelte Aufzuggitter hinabrann.
Driessen zog seine Heckler&Koch und lud durch. Der Aufzug hielt. Driessen wartete, bis sich die Tür leise öffnete. Sie ging in der Mitte in zwei Flügeln auseinander. Ein kopfloser Mann lehnte in fast lässiger Haltung in der linken Ecke der Fahrstuhlkabine. Aus dem durchtrennten Hals pulste das Blut in fingerdickem Strahl. Der Kopf fehlte.

Driessen unterdrückte einen Übelkeitsanfall und taumelte zurück. Der Anblick schlug selbst einem hartgesottenen Ermittler auf den Magen. Ein paar Sekunden mußte er gegen den Impuls ankämpfen, sich sofort zu übergeben. Er drückte mit dem Ellenbogen auf den Türöffner, betrat kurz den Aufzug und betätigte auf die gleiche Weise den Feststellknopf für den Lift. Damit war der Lift blockiert. Langsam ging er mit weichen Knien den untersten Treppenabsatz hoch. Das Haus hatte niemand verlassen - wer auch immer Harry Nagels Kopf abgetrennt hatte, mußte sich noch im Treppenhaus aufhalten.

Er hatte kaum den ersten Treppenabsatz erreicht, als er Schritte hörte. Dumpfe, schwere Schritte, die langsam aber regelmäßig die Treppe hinunter kamen. Ob der Täter wußte, daß er hier auf Nagel gewartet hatte? Wenn nicht, hatte Driessen jetzt einen gewaltigen Vorteil. Er kauerte sich in einen Türeingang, hielt die Waffe nach oben gerichtet und lauerte. Die Schritte kamen näher. Es waren polternde Schritte, wie von sehr schweren Schuhen. Driessen fragte sich, wie groß der Täter wohl sein mochte. Hoffentlich machte jetzt keiner der Hausbewohner eine Tür auf...

Die Schritte kamen näher, Stufe um Stufe. Der Täter mußte sich sehr sicher fühlen, denn er vernahm kein Innehalten, keine lauernde Unterbrechung. Wie schwer bewaffnet mochte er sein? Was mochte in einem Menschen vorgehen, der einem anderen den Kopf abriss? Driessens Waffe lag schwer in seiner Hand, seine eigene Feuchtigkeit machte den Griff schlüpfrig. Zitterte seine Hand etwa? Driessen, nimm dich zusammen!

Jetzt hatten die Schritte den letzten Treppenabsatz vor ihm erreicht. An der Biegung schienen sie etwas zu zögern, als ahnte der Jemand, der da hinunterkam, daß er erwartet wurde. Vielleicht eine Art Instinkt, die Intuition des Straftäters. Aber dann polterten sie weiter. Driessen hob die Waffe wieder ein wenig höher, nahm sie nun in beide Hände und zielte auf den Punkt, an dem er den Täter erwartete. Ein Schatten wurde sichtbar. Ein kleiner, verschwommener, doch irgendwie runder Schatten. Wie der Schatten eines Fußballs.

Es war der Kopf von Harry Nagel, der Stufe für Stufe herabplumpste, mit einem weiteren dumpfen Rumms an der Treppenhauswand aufschlug, um von dort an ihm vorbei, den letzten Treppenabsatz zu nehmen. Vor der Aufzugtür rollte er dann aus und blieb ruhig liegen. Driessen fluchte leise

Bestellen bei Amazon

 


© R. Wissdorf 2002 |Home| Bücher | Webprojekte | Online-Texte | E-Mail
Bisheriges über den Autor Buchveröffentlichungen Internet-Projekte Online-Publikationen